Gedichte zur Wahl
Es gibt Gedichte zur Wahl? Ja, tatsächlich, eines ist sogar über 350 Jahre alt und das Ergebnis wird auch in einem alten Gedicht vorausgesagt. Neugierig geworden? Ich hoffe. Also los:

Viel geändert hat sich in den letzten vierhundert Jahren nicht bei der Meinung über Politiker:

Friedrich von Logau (1605-1655)
Heutige Welt-Kunst

Anders sein und anders scheinen,
Anders reden, anders meinen,
Alles loben, alles tragen,
Allen heucheln, stets behagen,
Allem Winde Segel geben,
Bös- und Guten dienstbar leben;
Alles Tun und alles Tichten
Bloß auf eignen Nutzen richten:
Wer sich dessen will befleißen,
Kann politisch heuer heißen.

(Quelle: Gedichte für alle Fälle)

Die Anstrengungen im Wahlkampf werden jedoch von poetischer Seite gebührend gewürdigt:

Hans-Peter Kraus
Kandidatenplakate

Da haben die Parteien

Dem Volke!

aber mal wieder ganz genau
aufs Maul geschaut.

Jemand hätte ihnen erklären sollen,
dass es nicht so gemeint ist,
wenn die Leute sagen:
Am besten
man hängt alle Politiker
an den Straßenlaternen auf.

(Quelle: Ziemlichkraus)


Und nun zur allerletzten Hochrechnung, die eher eine Abrechnung ist:

Ludwig Thoma (1867-1921)
Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,
Aus denen sich die Frage ringt:
Wie wird der Deutsche nächstens wählen?
Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!
Wie macht sie doch ein jedesmal
Der Ausfall neuerdings betroffen!
Als wär' er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,
Dass zwei mal zwei gleich vieren zählt.
Und eine Wahrheit fest wie diese
Ist, dass man immer Schwarze wählt.

Das Faktum lässt sich nicht bestreiten,
Auch wenn es noch so bitter schmeckt.
Doch hat das Übel gute Seiten:
Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muss die Sache recht verstehen;
Sie ist nicht böse, ist nicht gut.
Der Deutsche will zur Urne gehen,
So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, dass es noch anders würde,
Der täuscht sich hier, wie überall.
Die Schafe suchen ihre Hürde,
Das Rindvieh suchet seinen Stall.

(Quelle: Gedichte für alle Fälle)

Da sage noch einer, Lyrik hätte nichts mehr zu sagen, Lyrik wäre nicht auf der Höhe der Zeit. Im Gegenteil: Lyrik weiß Bescheid.